Wider den Einheitsbrei!

Auf dem Weg ins Büro höre ich regelmäßig im Radio die vorgetragenen gesammelten Pressestimmen des Tages zu einem bestimmten Thema. Heute: mal wieder Griechenland.

Praktisch alle Kommentare des heutigen Tages setzten sich dabei kritisch mit dem Vorgehen der Regierung um Tsipras und Varoufakis auseinander. Tatsächlich unterhielten sich Moderatorin und Kommentar-Vorleserin sogar darüber, dass es keinen einzigen deutschen Pressekommentar gegeben habe, der mit dem Verhalten der Griechen nicht hart ins Gericht gehen würde.

Mir schmeckt das nicht.

Ich will gar nicht allzu tief in die Thematik einsteigen, in der ich selbst einigermaßen indifferent bin: Einerseits ist aus meiner Sicht einigermaßen unübersehbar, dass der „Sanierungskurs“ der vergangenen Jahre keine griechische Erfolgsgeschichte markiert. Im Gegenteil: Die Wirtschaft ist noch immer nicht wettbewerbsfähig, dafür geht es sehr viel mehr Menschen inzwischen richtig schlecht. Dass diese ein zunehmend extremes Wahlverhalten an den Tag legen, dürfte „uns“ ja durchaus mal zu denken geben. Andererseits vermisse wohl nicht nur ich den großen Masterplan hinter dem Treiben der neuen griechischen Regierung, und ebenfalls befürchte wohl nicht nur ich alleine: Es gibt gar keinen. Dafür, dass sich der Wahlsieg schon frühzeitig in den Umfragen abzeichnete, haben die Jungs jedenfalls überraschend wenig in petto und präsentieren das Wenige dafür umso tapsiger. Aber wie gesagt, diese Diskussion will ich eigentlich gar nicht führen.

Was mich wirklich stört, ist der Umstand, dass bei einem derart komplexen und facettenreichen Thema offenbar wirklich nur eine Einheitsmeinung existiert, die zumindest in der gedruckten bundesdeutschen Presselandschaft verbreitet wird.

Mich erinnert das stark an die Bestandsaufnahme von Bundes-Außenminister Frank-Walter Steinmeier, der den Medien unlängst einen gewissen Konformitätsdruck attestierte. Ich fürchte, da ist was dran. Zumindest teile ich die Beobachtung, dass medial immer weniger verschiedene Positionen Gehör finden und immer seltener ein Diskurs unterschiedlicher Betrachtungsweisen stattfindet. Der eine schreibt vom anderen ab oder – noch schlimmer – stimmt die gegenseitige Linie der Berichterstattung aufeinander ab.

Es ist ein bisschen wie bei Borussia auf der Pressetribüne, wo die Schreiber auch gerne ihre Eindrücke und Spielernoten miteinander besprechen, um am Ende nicht als der Doofmann dazustehen, der das ganze Geschehen abweichend von der Massenkompatibiltät bewertet.

Die ablaufende Konzentration auf einige wenige Medienhäuser und die Zusammenlegung von Redaktionen tut da mittelfristig ihr Übriges.

Ich finde das gefährlich.

Unabhängig von meiner persönlichen Ansicht möchte ich nämlich ganz gerne alle relevanten Aspekte und Sichtweisen auch in meine Zeitung oder auf meinen Bildschirm transportiert wissen, um mir daraus schließlich selbst eine Meinung zu bilden, anstatt mich stumpf der (alternativlosen?) Ansicht des jeweiligen Kommentarschreibers oder –sprechers anschließen zu müssen.

Ist das zu viel verlangt?

P.S.: Es ist mal wieder die TAZ, die ein bisschen abweicht und zwar nicht auf die Linie der griechischen Regierung einschwenkt, aber doch immerhin mal das Gehabe der zahlreichen Krisengipfel als reine Show-Politik kritisiert.

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4 Gedanken zu „Wider den Einheitsbrei!

  1. Sven Kalbitzer

    Ich sehe das anders (immerhin backen wir beide keinen Einheitsmeinungsbrei). Erstens: Es ist beileibe nicht klar, warum diese Einigkeit an diesem Tag zu diesem Thema herrscht. Was, wenn die Kommentatoren wirklich so empfinden oder denken? Sollten sie eine andere Ansicht vertreten, um anders zu sein? Das wäre doch etwas viel verlangt.
    Zweitens: Eine direkte Absprache klingt für mich weit hergeholt. Das mag im Stadion noch praktikabel sein, im Redaktionsalltag zwischen München und Hamburg aber kaum – Vorsicht mit den Metaphern und Beispielen.
    Drittens: Einigkeit mag wohl zu diesem Thema herrschen, der Normalfall ist es aber keineswegs. Ich höre so gut wie jeden Tag die Presseschau auf dem Weg ins Büro, ich erlaube mir diese Meinung. 🙂 Pershing II, Krankenkassenreform, Hartz 4, Mindestlohn, Atomausstieg, Waffen an die Ukraine, Dissens nehme ich reichlich wahr. Einen Dissens als l’art pour l’art, um des abstrakten Prinzips Willen wäre jedoch künstlich und damit letzten Endes unehrlich.
    Viertens: Viele Medien – besonders Print – bieten Pro / Contra-Kommentare an. Damit dürften sie dem Wunsch nach beiden Seiten der Medaille wohl schon ganz gut nachkommen.

    Den Wunsch nach ausführlicher Berichterstattung teile ich übrigens voll und ganz, nur damit das klar ist. 🙂

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    1. dochool Autor

      Ich glaube, dass es bestimmte Themen gibt (hier: Griechenland), bei denen es im Wesentlichen nur eine transportierte Meinung gibt und die Gegenseite auch außerhalb des Kommentars wenig stattfindet. Im vorliegenden Fall schätze ich, dass es an der Angst vorm deutschen Sparer liegt, den man nicht brüskieren mag.

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      1. Sven Kalbitzer

        Dann ist mein Wissen stärker als Dein Glaube. ZEIT („Zum vollständigen Bild der Geschichte gehört aber auch: Es ist ein Zeichen von mangelndem Respekt und fehlender Solidarität, wie der Rest Europas gerade mit Griechenland umspringt.“) und Focus („Schäuble droht Griechen: „Am 28., 24.00 Uhr, is over!“) und FAZ („Was will Griechenland?“) iegen heute in Format, Inhalt und Tonality meilenweit auseinander.

        Ja, es würde mich nicht wundern, wenn alle in etwa das gleiche über den Waterboarding-Vergleich sagten – das will ich sogar schwer hoffen. Wie jedoch die obige Auswahl – beliebig und innerhalb weniger Sekunden ergoogelt – zeigt, sind die Berichte sehr wohl differenziert.

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