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Grüne Haare

„Sempre, sempre avanti!“

Weiter, immer weiter. Was bleibt mir auch anders übrig? Ich habe keine Wahl. Aufgeben fühlt sich schalke an und überhaupt: Die letzten drei Jahre habe ich immerhin ganz passabel gewuppt bekommen. Damit hatte ich so nicht gerechnet. Auch wenn es Tag für Tag anstrengend ist.

Rückblick: Oktober 2012. Die Tür geht auf, ein weißer Kittel betritt den Raum. Als ich ihren Blick sah, hätte sie selbst eigentlich nichts mehr sagen müssen. Ich bin froh, dass sie es dennoch tat. Die Ärztin, mit der ich in den ersten Tagen auf der Station so meine Probleme hatte, wurde in den folgenden Tagen zu meiner Lotsin durch das Grauen – und ich bin noch heute dankbar für ihren empathischen Einsatz.

Metastasierter Lungenkrebs. Als Nichtraucher. Mit 30 Jahren. Eigentlich geht das nicht, Verarsche hoch zehn! Bei der Trefferquote hätte ich besser Lotto spielen sollen.

Und die Heilungschance? Welche Heilungschance? Die empfohlene Chemotherapie trug nicht umsonst das Attribut „palliativ“ monstranzartig vor sich her. Noch bis heute meidet jeder meiner Mediziner das H-Wort.

Und dennoch tut sich etwas. Die Nachrichtenlage ist eine bessere geworden. Damals, im Herbst 2012, habe ich meinen nahenden Tod ziemlich deutlich vor Augen gesehen. Von einem Tag auf den anderen war ich herausgerissen aus dem Leben, bestand mein Tagesablauf nur noch aus zahllosen Untersuchungen und einer schlechten Nachricht nach der anderen. Meine Welt war zum Erliegen gekommen, die Welt um mich herum aber ging bizarrerweise so weiter, als sei nichts geschehen.

Als ich die Diagnose damals bekam, durfte ich das Krankenhaus erstmals wieder über Nacht verlassen. Ich erinnere mich noch, wie wir auf dem Heimweg an allerlei Baustellen in der Stadt vorbeikamen und ich mich fragte, welche Fertigstellung ich davon wohl erleben würde.

(Im Übrigen der einzige Grund, aus dem ich mich über die nahende Eröffnung des DFB-Museums wirklich freue. Es war seinerzeit die größte aller Baustellen und aus damaliger Sicht lag die Fertigstellung in unerreichbarer Ferne. Aber hier bin ich. Immer noch!)

Habe ich anfangs also nur in betretene Gesichter gesehen und Ärzten gegenüber gesessen, die genauso niedergeschlagen waren wie ich, existiert heute eine gewisse Perspektive. Die (Gen-)Forschung in diesem Bereich hat in den zurückliegenden Jahren große Fortschritte gemacht. Mein Tumortyp ist entschlüsselt. ROS1-Translokation nennen Sie das und sagen, das mache es einfacher. Noch vor vier, fünf Jahren hätte es für mich weitaus düsterer ausgesehen. Die erste Chemo hatte zwar angeschlagen, das Ergebnis hielt jedoch lediglich ein Jahr.

Und wären nicht wenige Monate vor meiner Erstdiagnose eben diese ROS1-Translokation mit neuen Behandlungsmöglichkeiten der Fachwelt vorgestellt worden, wer weiß, wo ich heute wäre? Ob ich heute noch wäre?

Wie das mit Wahrscheinlichkeiten so ist: Dieser Typ macht nur einen Bruchteil aller Lungenkrebsfälle aus, etwa ein Prozent, und hat „vergleichsweise lange Verläufe“. Er tötet also langsamer. Schön zu wissen.

Er ermöglicht aber eben auch neue Therapieansätze, die zielgerichteter und damit verträglicher sind als eine Chemotherapie. Vom ersten dieser Ansätze profitiere ich derzeit und kann, abgesehen von ein paar Nebenwirkungen, ein vergleichsweise normales Leben führen. Ewig aber wird dieses Medikament voraussichtlich nicht wirken, und so bleibt das alles ein Wettlauf mit der Zeit. Die Wissenschaft muss neue Präparate schneller herbeischaffen als die alten unbrauchbar werden.

Bis hierher hat das schon mal geklappt. Ich arbeite wieder in meinem Job und kann auch sonst vieles von dem tun, was mir wichtig ist. Das Ganze verändert dabei trotzdem kolossal meine Werte. Ich war immer gegen Tierversuche, „Big Pharma“ stand ich skeptisch gegenüber. Heute retten beide mein Leben – eine nicht immer angenehme Erkenntnis.

Warum ich das hier alles schreibe? Weil ich glaube, dass es wichtig sein kann.

Für mich selbst, weil es therapeutisch wirkt. Ich habe eine klasse Psychoonkologin, die mir aus vielen Tiefs geholfen hat. Aber wenn ich mein Leben so normal wie möglich leben will, brauche ich noch eine weitere Verarbeitungsstrategie. Das Schreiben scheint mir da ideal. Schreiben kann ich ja ganz gut, wenngleich bisher nicht so persönlich. Aber ich kann meine Gedanken damit ordnen.

Ich weiß aber auch noch genau, wie ich mich gefühlt habe nach der Erstdiagnose. Von einem auf den anderen Moment war ich aus der eigentlichen Welt herausgerissen und nur noch äußerer Betrachter. Hier der Totgeweihte, dort die ganzen anderen Menschen ohne Sorgen. Was wisst Ihr denn schon? Das war natürlich Quatsch, aber genauso hat es sich angefühlt. Der Gedanke, die Menschen im Supermarkt könnten ähnlich große oder vielleicht gar größere Probleme haben, kam mir nie. Sie sahen so normal aus.

Meine erste Psychologin erzählte mir damals von ihrem Wunsch: Eines Tages sollen alle, die jemals an Krebs erkrankt seien, mit grünen Haaren aufwachen, damit alle Welt mal sehen könne, wie verbreitet das Ganze ist – und dass man es eben doch überleben könne.

Aus diesem Grunde glaube ich, dass es wichtig sein kann, was ich hier beginne. Auch mir sieht niemand an, dass ich auf dem Papier noch ziemlich krank bin. Und weil ich glaube, dass grün gefärbte Haare an mir eher so mittel aussehen, teile ich mich eben auf diesem Wege mit. Vielleicht hilft es ja dem einen oder anderen, der in einer ähnlichen Situation steckt, wie ich es damals tat? Mir jedenfalls helfen die gebloggten Erlebnisse von Janet, Tori, Elizabeth, Corey, Merel, Gwen, Lisa, Luna, Beth, Lysa und Stephanie – allesamt ROS1-Patientinnen, viele von ihnen junge Mütter – und sie animieren mich, es ihnen gleich zu tun.

Überhaupt geht es anderen eben auch nicht immer besser. Corey war erst 22, als sie die Diagnose erhielt. ZWEIUNDZWANZIG! Und Elizabeth bekam ihre Diagnose mitgeteilt im fünften Monat ihrer Schwangerschaft. Die ersten Chemozyklen begannen noch vor der Geburt ihres Sohnes. Scheiße hat wirklich viele Schattierungen.

Apropos Sohn. Es gibt da jemanden, der ist glücklicherweise noch viel zu klein, um die Situation seines Vaters zu kennen – geschweige denn zu begreifen. Ich werde alles dafür geben, ihm eines Tages ausführlich von meinem Leben zu berichten und das seine zu begleiten. Aber ich weiß ehrlicherweise nicht, ob ich diese Gelegenheit bekommen werde. Falls es nicht so klappt, wie ich mir das wünsche, bekommt der Kleine in diesem Blog eines Tages die Gelegenheit, ein bisschen mehr über seinen Papa zu erfahren. Über sein Leben, über sein Wünsche und Gedanken. Auch wenn mich der Gedanke daran innerlich zerreißt.

Dieser Blog, erfährt also in der nächsten Zeit eine kleine Veränderung. Ich werde hier nach wie vor über das schreiben, was mich beschäftigt. Beileibe nicht nur die Krankheit, aber eben auch. Leider Gottes ist sie ein wichtiger Teil meines Lebens geworden.

Oder wie ich in der überaus lesenswerten „Überleben„-Serie der SZ  in einem gänzlich anderen Zusammenhang unlängst gelesen habe: Ich empfinde das Leben als schön – von einfach war nie die Rede.

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Wenn ich Grieche wär‘

Gut gelaunt bin ich heute morgen in mein Auto gestiegen und zur Arbeit gefahren. Bis, ja bis nach wenigen Minuten der erste von unvermeidlich vielen Beiträge zum Referendum der Griechen zu orakeln versuchte, was eh niemand weiß. Meine Laune war dahin. Auch weil ich darüber nachdenken musste, wie mein Leben als Grieche wohl gerade aussehen würde.

Ich kann es nicht mehr hören: Diese Großkotzigkeit, mit der meine Landsleute über Griechenland und das griechische Volk lästern. Die Dreistigkeit, mit der „wir“ anderen Faulheit attestieren und im Gegenzug tagelang jammern, sobald das Wetter hierzulande mal dieselben Temperaturen auffährt. Schließlich die völlige Ignoranz dessen, wie es uns an „deren“ Stelle ginge.

Ich arbeite als vergleichsweise junger Ingenieur in meiner Wunschbranche und habe eine ziemlich coole Aufgabe, die mich fordert und ausfüllt. In Griechenland wäre das so kaum möglich. Da könnte ich mich noch so strecken, da könnte ich noch so gut sein. Dort würde ich vielleicht Taxi fahren oder als Kellner jobben. Was es heißt, dass fast 60 Prozent aller jugendlichen keinen Job haben, können wir uns wahrscheinlich nicht einmal vorstellen.

Weiterhin: Ich bin Familienvater. Unser Kleiner bereitet meiner Frau und mir riesige Freude, wir haben ein schönes Leben und wenn wir zuhause gerade einmal nicht kochen wollen, gehen wir in ein Restaurant und essen da. Das mit dem Restaurant ist sicherlich optional, aber würde ich als Taxi fahrender Jungingenieur eine Familie gründen wollen? Womit denn?

Zu schlechter Letzt: Meine Krankheit. Ich bin gesegnet, in Deutschland zu leben, weil ich hier alle mögliche ärztliche Hilfe erfahre. Wie das als Grieche aussähe, mag ich mir gar nicht vorstellen. Aller Wahrscheinlichkeit wäre die Situation für mich ziemlich bedrohlich.

Nichts davon habe ich mir selbst erarbeitet. Ich profitiere davon, in einem reichen Land in ein gut situiertes Elternhaus hinein geboren worden zu sein. Wer bin ich, dass ich mich da über die Griechen erhebe, die dieses Glück nicht hatten?

Damit das klar ist: Ich zweifle nicht daran, dass in Griechenland über Jahrzehnte hinweg einiges schief gelaufen ist – und dass diese Formulierung ein ziemlicher Euphemismus ist. Einer Wirtschaft, die weitgehend vom Tourismus und ein wenig Landwirtschaft abhängig ist, fehlen die großen Erträge von produzierendem Gewerbe und internationalem Bank- und Versicherungsgewerbe. Das System von Vetternwirtschaft, Korruption und einer Kaste von Superreichen, die gar nicht daran denken, ordnungsgemäß ihre Steuern zu zahlen, ist eine dramatische Fehlentwicklung – geeignet, um jeden Staat dieser Welt von innen heraus zu zerstören.

Aber: Das wussten „wir“ doch alle vorher. Als der Euro im Jahr 2002 eingeführt wurde, war doch genau das die deutsche Hauptsorge: Dass da Nationen mit von der Partie sind, die viel schwächer sind als die BRD. Und dass wir unsere schöne, stabile D-Mark ausgerechnet für eine labile Einheitswährung mit all den schwachen Ländern aufgeben müssen. „Wir“ haben es trotzdem getan – und gehörten in den Jahren seither zu den großen Gewinnern einer eben nicht zu starken Währung.

Und noch mehr aber: Wir erwarten doch nicht ernsthaft, dass die Griechen in zwei Jahren hinkriegen, ihr Land mal eben umzukrempeln, oder? Nur zur Erinnerung: Wir haben die „blühenden Landschaften“ in 25 Jahren nicht hinbekommen. Außerhalb der großen Städte ist Ostdeutschland noch immer strukturschwach – und wir hatten wenigstens eine passabel funktionierende alte Bundesrepublik als Unterstützung.

Fakt ist, dass die bisherige Politik der Troika a.k.a. Institutionen gescheitert ist, was die handelnden Personen freilich nicht daran hindert, sie als Erfolgsmodell zu verkaufen. Griechenland und das griechische Volk haben schmerzhafte Einschnitte in Kauf nehmen müssen, aber es hat sich rein gar nichts verbessert im Land. Im Gegenteil: Das Bruttoinlandsprodukt ist Jahr für Jahr gesunken, die Wirtschaft geschrumpft.

Schlimmer noch: Sowohl die Säuglingssterblichkeit wie auch die Zahl der Suizide sind dramatisch gestiegen. Kurzum: Den Menschen geht es so scheiße, wie wir es nicht einmal erahnen können. Müssen wir ja auch nicht. Ereifern wir uns also lieber über fehlende Krawatten.

Die Griechen, die jetzt „OXI“ gesagt haben sind sich ziemlich sicher darüber im Klaren, dass es nicht automatisch besser wird, wenn es anders wird. Dass es aber anders werden muss, wenn es besser werden soll. „Nein“ zu sagen, obwohl die Folgen unabsehbar sind, ist nichts anderes als der Mut der Verzweiflung, weil man die unsäglichen Folgen eines „Ja“ (im Sinne von: weiter so) bereits kennengelernt hat.

Und wir Deutschen? Ein Volk von Besitzstandswahrern, das jeder Sozial- oder Steuerreform, die das eigene Portemonnaie auch nur um ein paar Cent erleichtert, mit feindseliger Ablehnung begegnet, besitzt die Chuzpe, einer anderen Nation das Gürtel-enger-schnallen anzuempfehlen. Ausgerechnet wir, die von der Krise der südeuropäischen Länder via Zinssatz am meisten profitieren und diese durch unseren hohen Exportüberschuss noch zusätzlich befeuern. Ausgerechnet Wolfgang Schäuble, Protagonist der CDU-Spendenaffäre Mitte der 90er Jahre, mimt in diesem Spiel den seriösen Saubermann – mit einer Hauptstadtjournalie, die ihm an den Lippen hängt.

Das macht mich wütend. Und hilflos.

Schnellschüsse

Eigentlich wollte ich mich zum Germanwings-Absturz geschlossen halten. Es geben ohnehin schon zu viele Leute ihren Senf dazu, ohne über genügend Hintergrundwissen zu verfügen.

Dass bis hin zur Ministerriege aber urplötzlich alle wissen, wie man so ein Tragödie verhindern und alles besser machen könnte, lässt mich dann doch etwas fassungslos zurück: Der Absturz ist keine zwei Tage her gewesen, die vermutliche Ursache nur wenige Minuten bekannt, schon wissen alle: Es gehört zwingend eine zweite Person ins Cockpit, wenn einer der Piloten mal muss.

Ich fand die Idee auch im ersten Moment nicht falsch. Aber ist es so einfach? Ganz viele Leute bei den Airlines und den zuständigen Behörden machen sich unentwegt Gedanken um Flugsicherheit, verdienen damit ihren Lebensunterhalt, aber wir wissen es per Ferndiagnose und nach zwei Minuten Bedenkzeit besser?

Erinnern wir uns: Erst nach den Ereignissen des 11. September 2011 wurden die Cockpittüren überhaupt hermetisch abgeriegelt. Das war eine der Schlussfolgerungen aus der Tragödie, mit der man die Sicherheit erhöhen wollte, eben um das Cockpit gegen den Zutritt jener Personen zu sichern, die nicht unmittelbar mit der Steuerung des Flugzeugs zu tun haben. Eine Regel, die nun eine andere Tragödie begünstigt haben könnte.

Vielleicht sollte uns das ja eine Lehre sein, neuerliche Maßnahmen nicht über das Knie zu brechen?

Natürlich ist es kein wirkliches Argument, dass solche Ereignisse so selten vorkommen, dass man  allein daher gar nichts machen müsse. Auch diese aberwitzige These habe ich heute schon gehört. Wenn aber seltene Ereignisse dafür umso mehr Opfer mit sich bringen, ist es zweifellos geboten, auch diese unbedingt verhindern zu wollen. Umso mehr, wenn dafür kein großer Aufwand nötig wäre.

Es gibt aber eben auch gute Gründe, sich das Ganze vielleicht lieber mal etwas ausführlicher durch den Kopf gehen zu lassen, bevor man den nächsten Schnellschuss beginnt.

Erstens verhindert auch ein weiteres Crewmitglied im Cockpit nicht zwingend ein solches Ereignis. Wer zu allem entschlossen ist und das Überraschungsmoment auf seiner Seite hat, dürfte im Zweifelsfall auch einen arglosen Steward überrumpeln können.

Zweitens gibt es natürlich auch andere Möglichkeiten für den Piloten, das Flugzeug zu crashen. Da braucht es ja nicht den langsamen, kontrollierten Sinkflug. Wenn derjenige für Start oder Landung verantwortlich ist, dürfte im falschen Moment selbst die Anwesenheit des zweiten Piloten zeitlich kaum ausreichen, noch einzugreifen. Und auch allein mit einem Steward eingesperrt, kann er zu einem weitaus drastischeren Flugmanöver als dem Sinkflug greifen. Bis ein Flugbegleiter überhaupt begriffen hat, dass der Mann am Steuer gar nicht gegen den Absturz kämpft, sondern ihn sogar eingeleitet hat, dürfte es ebenfalls vielfach zu spät sein.

Das sind alles keine zwingenden Argumente gegen Flugbegleiter im Cockpit. Eine geringe Eingriffsmöglichkeit ist theoretisch ja immer noch besser als gar keine. Aber es gibt noch einen weiteren Punkt, den vielleicht relevantesten:

Bis gestern konnten wir uns alle nicht vorstellen, dass der Pilot zu den Bösen gehören könnte. Er gehörte geschützt und die Tür zu ihm verschlossen. Nun setzt sich die Erkenntnis durch, dass er gleichzeitig aber auch überwacht gehört und wir wollen jemanden gemeinsam mit ihm im Cockpit einsperren, der im Rahmen seiner Ausbildung und Einstellung aber noch weitaus weniger überwacht und untersucht wird? Einen Flugbegleiter einzuschleusen, um auf den richtigen Moment zu warten, dürfte für terroristische Kreise jedenfalls sehr viel einfacher sein, als einen Piloten.

Das bedeutet nicht, dass die Maßnahme nach Abwägung aller Argumente nicht trotzdem die richtige sein kann. Die Zeit für eine solche Abwägung sollte man sich aber ungeachtet der Tragik der Ereignisse schon nehmen.

Wer jedoch stante pede die einzig wahre Lösung präsentiert, handelt einfach nur unseriös.

Dass ausgerechnet die Chefs von Germanwings und Lufthansa sich diesem Mechanismus entziehen, gefällt mir neben dem gesamten Auftreten der beiden in den letzten Tage sehr.

Kraut und Rüben

Ich bin für gewöhnlich niemand, der auf den letzten Pfennig achtet. Auf den letzten Cent übrigens auch nicht. Das ist mir erstens viel zu mühselig und hat zweitens den großen Vorteil, dass ich mich nicht ganz so oft über selbst getätigte Ausgaben ärgere.

Über meinen Beitrag für Krautreporter hingegen ärgere ich mich so langsam richtig, denn das Projekt ist mir mein Geld schlichtweg nicht wert.

Ich lese relativ viel online. Faktisch hat sich fast mein gesamter Lese-Medienkonsum ins Digitale verlagert: Die örtliche Tageszeitung ist mangels Aktualität und Qualität schon längere Zeit abgeschafft, übrig geblieben sind auf Papier nur die 11Freunde und das gelegentlich gekaufte Obdachlosenmagazin BODO.

Doch obwohl ich relativ viele Medien relativ bunt gemischt konsumiere, und obwohl ich für Krautreporter gezahlt habe, um dieses eigentlich spannende Projekt zu unterstützen, lasse ich die Seite immer häufiger links liegen.

Und das geht offenbar nicht nur mir so, denn dass KR-Beiträge reihenweise in den sozialen Netzwerken geteilt würden, kann man nun wirklich nicht behaupten. Ich würde sogar so weit gehen und behaupten, dass Krautreporter völlig irrelevant ist.

Was im jüngsten feministischen Shitstorm-Treiben um Tilo Jung leider ein bisschen untergegangen ist, ist daher diese Frage um die grundsätzliche Qualität und den tatsächlichen Mehrwert der Plattform. Für mich jedenfalls hat sie keinen.

Wann immer ich diese besuche – und das geschieht zunehmend selten – klicke ich pflichtschuldig ein oder zwei Texte an. Ganz selten lese ich sogar einen davon aus halbinteressierter Pflichtschuldigkeit. Aber dass mich Krautreporter einfängt und bei mir Aufmerksamkeit für neue Themen erzeugt oder mir neue Hintergründe zu bestehenden Diskussionen serviert, kann ich nicht gerade behaupten. Gut, das ist eine subjektive Einschätzung, aber auch in meinem Umfeld scheint die Seite nicht stattzufinden. Da gab und gibt es Freizeit-Blogs, die mehr Aufmerksamkeit auf sich vereinen.

Neuerdings kommt dazu, dass sich das Projekt auch zunehmend mit sich selbst beschäftigt: Hier stellt sich ein Community-Mitglied vor, dort muss der ungezogene Tilo auf die stille Treppe und wiederum anderswo entschuldigen sich die Macher dafür, dass an politischen Themen ein Autor mitwirkt, der für die Bundesregierung arbeitet – was vorher offenbar niemand problematisch fand von denen, die einmal angetreten waren, um alles besser zu machen. Dass aber Beschäftigung mit sich selbst nicht zum Selbstzweck werden darf, können sich die Krautreporter bei Bedarf mal von den Piraten erklären lassen.

Wie gesagt: Die Vorsätze, mit denen die Seite zum Crowdfunding antrat, gefiel mir sehr: Unabhängiger, werbefreier Journalismus abseits des Mainstreams. Ich hatte ja auch keine Ahnung, dass damit ein Format wie „Jung und naiv“ gemeint sein würde, an dessen intellektuellem Anspruch Medienjournalist Stefan Niggemeier als eines der prominentesten Gesichter hinter Krautreporter kaum ein gutes Haar lassen würde, wenn es bei Focus Online oder WDR 360 erscheinen würde.

Unterm Strich war meine erste Zahlung daher wohl auch die letzte. Das Geld investiere ich lieber dort, wo Anspruch und Wirklichkeit weniger weit auseinander liegen.

Eingeimpfte Unsicherheit

Unlängst bin ich über einen Artikel der Stiftung Warentest zum Thema Impfen gestolpert (worden), den die Stiftung bei Facebook beworben und damit den geballten Zorn von Impfgegnern in diesem Land auf sich gezogen hat.

Ich finde es unsäglich, dass bestimmte Themen in diesem Land nicht sachlich diskutiert werden können, ohne dass irgendwelche stumpfsinnigen Dogmatiker um die Ecke kommen, die Diskussion an sich reißen und das Thema zerstören. Wobei das in diesem Fall weitgehend beide Lager trifft, die jeweils für sich reklamieren, die Gralshüter des Kindeswohls zu sein: Einmal die Befürworter, die von sich behaupten, allein wissenschaftlich fundiert zu arbeiten. Und einmal die Gegner, die in ihrem Bestreben, das Immunsystem der Kinder durch Krankheiten stärken zu wollen, schon selbst reichlich nahe an der Behandlungswürdigkeit sind.

Und dazwischen stehen verunsicherte Eltern, die sich kaum unabhängig informieren können.

Allein auf die Impfempfehlungen der Ständigen Impfkommission (StiKo) des Robert-Koch-Instituts hatte ich zumindest eigentlich nicht vertrauen wollen. 12 von 16 Mitgliedern der Kommission wird eine enge Verbindung zur Pharmaindustrie nachgesagt. Das Debakel um die Schweinegrippe-Impfung 2009 haben viele wahrscheinlich noch im Kopf. Und dass zudem Deutschland von allen europäischen Ländern die nach Anzahl der Krankheitserreger und Häufigkeit der einzelnen Impfungen weitreichendsten Impfempfehlungen hat, die auch über die Empfehlungen der WHO hinausgehen, lässt einen ebenfalls eher ratlos zurück. Sind die in Österreich, der Schweiz, Großbritannien oder Schweden alle verantwortungslos?

Aber wie gesagt: Der Versuch einer unabhängigen Information ist gar nicht so einfach. Die Informationsbroschüre vom Kinderarzt war praktischerweise von GlaxoSmithKline – na danke auch! – und die Internetrecherche zu alternativen Impfüberlegungen führt ein schnell auf Seiten, die so ein esoterisches Aluhut-Flair verbreiten. Dort beruft man sich zwar auch gerne auf medizinische Studien, aber die Frage ist ja, was so alles an nicht ins Weltbild passenden Informationen weggelassen wurde. Schwierig also.

Wir haben uns letztlich dazu entschieden, dass unser Kind durchgeimpft wird. Der Kleine ist robust genug und unser Vertrauen einigermaßen groß, dass er mit den Impfstoffen schon klarkommt. Wahrscheinlich täte er das aber genauso mit den Krankheitserregern. Wie es ausgesehen hätte, wenn er eine schwächere Gesamtkonstitution hätte? Ich habe keine Ahnung.

Was ich aber weiß, ist, dass mich einzelne Impfungen schon etwas ratlos zurücklassen:

Beispiel Hepatitis B: eine sexuell und über andere Körperflüssigkeiten übertragbare Erkrankung. Ist das wirklich eine sinnvolle Impfung für Neugeborene? Wie viele Erwachsene sind nicht gegen Hepatis B geimpft, ohne dass die Krankheit sich übermäßig ausgebreitet hätte?

Beispiel Rotaviren: eine Impfung, die selbst von vielen Ärzten skeptisch gesehen wird, zumal die entsprechenden Infektionen so gut wie nie zu schweren Schädigungen oder Todesfällen führen.

Beispiel Windpocken: ebenfalls eine so gut wie nie schwer wiegende Krankheit, bei der die Impfung offenbar sogar nur für kurze Zeit vorherrscht und die Krankheit damit schlimmstenfalls sogar in das für schwerere Nebenwirkungen anfälligere spätere Alter verschoben wird.

Kurzum: Es gibt, finde ich, durchaus berechtigte Fragen, die durchaus mal auf den Tisch gehören. Sind wirklich alle diese Impfungen sinnvoll? In der Häufigkeit? In so frühen Jahren? Müssen auch schwächere Kinder geimpft werden bei Krankheiten, wo bereits eine große Herdenimmunität existiert? Und sollten die Empfehlungen wirklich (mittelbar) von denen gemacht werden, die die Impfstoffe verkaufen? Leider findet diese Diskussion aber nicht statt und so bleibt das alles ein Feld für Aluhüte, Kräuterhexen und insbesondere verunsicherte Eltern.

Vereint in den Farben, vereint in der Sache?

Eigentlich wollte ich mich an dieser Stelle nicht an den Ruhrnachrichten abarbeiten.

Eigentlich.

Denn das ist schon eine ziemlich krasse Nummer, wie ich finde:

Der etwas andere Dortmund Karneval des „Geierabends“ hat in diesem Jahr den Polizeipräsidenten Gregor Lange mit der diesjährigen Auszeichnung des Pannekopp-Ordens bedacht.

Wie es sich für ein kritisches Lokalmedium gehört, wollen die Ruhrnachrichten diese Ordensverleihung – anders als frühere in den vergangenen Jahren – aber offenbar nicht so stehenlassen und springen dem Polizeipräsidenten gleich doppelt zur Seite.

Zuerst mit einem „Faktencheck“ des RN-Redakteurs Peter Bandermann, über den man – vorsichtig formuliert – auch anderer Meinung sein kann. Die fragwürdige und historisch nicht unproblematische Rechtsauslegung der Dortmunder Polizei legt das Bodo-Magazin jedenfalls gemeinsam mit einigen weiteren Kririkpunkten in seinem „Faktencheck des Faktenchecks“ sehr gut dar.

Doch damit nicht genug für Peter Bandermann, der heute auch noch einmal die Gewerkschaft der Polizei über die Preisverleihung wettern lässt, die – Zitat GdP – „ein Angriff auf alle Dortmunder Polizisten“ sei.

Nunja.

Die Frage stellt sich, warum die Ruhrnachrichten in Person ihres Redakteurs ausgerechnet in diesem Jahr so viel Energie darauf verwenden, die Begründung der Pannekopp-Preisverleihung zu entkräften. Bei den Siegern der Vorjahre kann ich mich an ein derartiges Engagement kaum erinnern.

Aber huch, was haben wir denn da: Eine Ausgabe des NRW-Polizeimagazins „Streife“ aus dem Jahr 2013, herausgegeben vom NRW-Innenministerium. Autor des Artikels auf den Seiten 14 und 15: Peter Bandermann. Wenn man Tante Google glauben darf, ist dies in jüngerer Vergangenheit nicht derssen einziger Text für die NRW-Polizei gewesen.

Halten wir also fest: Da arbeitet jemand in der Vergangenheit wiederholt für die Exekutive und bei öffentlicher Kritik an dieser verfasst er einen vermeintlich unabhängigen „Faktencheck“ zu deren Gunsten, ohne dass diese Verflechtungen und Interessenskonflikte dem Leser in irgendeiner Weise offengelegt würden.

Wie gesagt: Eigentlich wollte ich mich an dieser Stelle nicht an den Ruhrnachrichten abarbeiten.

Aber das lässt mich dann doch einigermaßen schockiert zurück.

Wider den Einheitsbrei!

Auf dem Weg ins Büro höre ich regelmäßig im Radio die vorgetragenen gesammelten Pressestimmen des Tages zu einem bestimmten Thema. Heute: mal wieder Griechenland.

Praktisch alle Kommentare des heutigen Tages setzten sich dabei kritisch mit dem Vorgehen der Regierung um Tsipras und Varoufakis auseinander. Tatsächlich unterhielten sich Moderatorin und Kommentar-Vorleserin sogar darüber, dass es keinen einzigen deutschen Pressekommentar gegeben habe, der mit dem Verhalten der Griechen nicht hart ins Gericht gehen würde.

Mir schmeckt das nicht.

Ich will gar nicht allzu tief in die Thematik einsteigen, in der ich selbst einigermaßen indifferent bin: Einerseits ist aus meiner Sicht einigermaßen unübersehbar, dass der „Sanierungskurs“ der vergangenen Jahre keine griechische Erfolgsgeschichte markiert. Im Gegenteil: Die Wirtschaft ist noch immer nicht wettbewerbsfähig, dafür geht es sehr viel mehr Menschen inzwischen richtig schlecht. Dass diese ein zunehmend extremes Wahlverhalten an den Tag legen, dürfte „uns“ ja durchaus mal zu denken geben. Andererseits vermisse wohl nicht nur ich den großen Masterplan hinter dem Treiben der neuen griechischen Regierung, und ebenfalls befürchte wohl nicht nur ich alleine: Es gibt gar keinen. Dafür, dass sich der Wahlsieg schon frühzeitig in den Umfragen abzeichnete, haben die Jungs jedenfalls überraschend wenig in petto und präsentieren das Wenige dafür umso tapsiger. Aber wie gesagt, diese Diskussion will ich eigentlich gar nicht führen.

Was mich wirklich stört, ist der Umstand, dass bei einem derart komplexen und facettenreichen Thema offenbar wirklich nur eine Einheitsmeinung existiert, die zumindest in der gedruckten bundesdeutschen Presselandschaft verbreitet wird.

Mich erinnert das stark an die Bestandsaufnahme von Bundes-Außenminister Frank-Walter Steinmeier, der den Medien unlängst einen gewissen Konformitätsdruck attestierte. Ich fürchte, da ist was dran. Zumindest teile ich die Beobachtung, dass medial immer weniger verschiedene Positionen Gehör finden und immer seltener ein Diskurs unterschiedlicher Betrachtungsweisen stattfindet. Der eine schreibt vom anderen ab oder – noch schlimmer – stimmt die gegenseitige Linie der Berichterstattung aufeinander ab.

Es ist ein bisschen wie bei Borussia auf der Pressetribüne, wo die Schreiber auch gerne ihre Eindrücke und Spielernoten miteinander besprechen, um am Ende nicht als der Doofmann dazustehen, der das ganze Geschehen abweichend von der Massenkompatibiltät bewertet.

Die ablaufende Konzentration auf einige wenige Medienhäuser und die Zusammenlegung von Redaktionen tut da mittelfristig ihr Übriges.

Ich finde das gefährlich.

Unabhängig von meiner persönlichen Ansicht möchte ich nämlich ganz gerne alle relevanten Aspekte und Sichtweisen auch in meine Zeitung oder auf meinen Bildschirm transportiert wissen, um mir daraus schließlich selbst eine Meinung zu bilden, anstatt mich stumpf der (alternativlosen?) Ansicht des jeweiligen Kommentarschreibers oder –sprechers anschließen zu müssen.

Ist das zu viel verlangt?

P.S.: Es ist mal wieder die TAZ, die ein bisschen abweicht und zwar nicht auf die Linie der griechischen Regierung einschwenkt, aber doch immerhin mal das Gehabe der zahlreichen Krisengipfel als reine Show-Politik kritisiert.