Live and let die

Im manchmal interessanten, manchmal einfach grauenhaften „Tagesgespräch“ auf WDR5 sprach man diese Woche über das Thema Erste Hilfe beziehungsweise Unterlassene Hilfeleistung. Aufhänger war dabei ein Unfall vom Wochenende bei Magdeburg, wo Unfallzeugen es vorgezogen hatten, vorbeizufahren und teilweise Fotos zu knipsen, anstatt denn Unfallopfern zu helfen.

Im Zuge der Sendung kam auch Prof. Dr. Egon Stephan zu Wort, ein Verkehrspsychologe der Uni Köln. Und was der so von sich gegeben hat, hat mir doch glatt die Schuhe ausgezogen:

Er äußerte nämlich Verständnis für die Scheu vor einer etwaigen Wiederbelebung, weil man als Laie nun einmal nicht beurteilen könne, ob der Betreffende nicht vielleicht eine Wirbelsäulenverletzung habe, die man dann verschlimmere.

Bullshit! Unfassbarer, riesengroßer und richtig schlimmer Bullshit!

Wer Wiederbelebung benötigt, ist tot. Mausetot. Das Herz schlägt nicht, das Blut zirkuliert nicht, der Sauerstoff kommt nicht mehr in die Organe und die sterben ab. Kurzum: Das ist genau die falscheste Situation, um einen Gedanken an die Wirbelsäule zu verschwenden. Das tun nämlich auch die Profis nicht. Wer nicht mehr schnauft, wird wiederbelebt, da interessiert die Wirbelsäule keinen. Dem Toten ist es schlechterdings nämlich völlig egal, ob sein Rückenmark verletzt ist oder nicht.

Doch Aussagen wie diese in einem Sender mit öffentlich-rechtlichem Auftrag und von einer Person mit ebenfalls öffentlichem Bildungsauftrag sind fatal, denn sie bestätigen die völlig irrationalen Ängste und die Flucht ins Nichtstun, wo Hilfeleistung die einzig richtige Option wäre.

Nichtstun ist nämlich der größte Fehler.

Ich bin als Rettungssanitäter ja so ein bisschen vom Fach und habe es leider schon viel zu oft erlebt, zu einem mausetoten Patienten zu kommen, bei dem zwar andere Personen anwesend waren, aber niemand geholfen hat. Ob das jetzt aus Angst oder Ignoranz geschieht, ist dabei sekundär. Denn – ich wiederhole mich – tot ist tot.

Nach einem Herzstillstand sinkt die Überlebenswahrscheinlichkeit mit jeder Minute, in der keine Wiederbelebungsmaßnahmen erfolgen, um etwa zehn Prozent. Professionelle Hilfe soll, so fordern des die Gesetze der Bundesländer, aber teilweise erst nach zehn oder fünfzehn Minuten vor Ort sein. Da braucht man keine Eins in Mathe, um zu erkennen, dass es ohne Ersthelfer selten gut geht.

Aber genau die gibt es kaum: Während wieder einmal Norwegen und Schweden vorangehen, wo immerhin 60 Prozent der Leute mit der Herzdruckmassage beginnen, liegen wir in Deutschland bei desaströsen 15 Prozent.

Das führt dazu, dass hierzulande auch nur etwa ein Zehntel derjenigen, die einen Herzstillstand erleiden, diesen auch überleben. Auch das können andere besser: Der King County im US-Bundesstaat Washington weist eine Überlebensrate von 55 Prozent auf. Die meisten davon überstehen das Ganze sogar ohne schlimmere neurologische Defizite.

Das Uncoole ist: Oft werden nicht einmal nahestehende Personen wiederbelebt. Das wird im Allgemeinen ja keine Ignoranz sein, sondern Angst. Ich stelle mir das reichlich schrecklich vor, nicht helfen zu (können), wenn meine Nächsten es am dringendsten benötigen würden.

Darum ein kleiner Aufruf: Macht einen Erste-Hilfe-Kurs und frischt Euer Wissen auf! Oder besucht wenigstens die Website www.einlebenretten.de und schaut Euch an, wie es geht.

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