Schnellschüsse

Eigentlich wollte ich mich zum Germanwings-Absturz geschlossen halten. Es geben ohnehin schon zu viele Leute ihren Senf dazu, ohne über genügend Hintergrundwissen zu verfügen.

Dass bis hin zur Ministerriege aber urplötzlich alle wissen, wie man so ein Tragödie verhindern und alles besser machen könnte, lässt mich dann doch etwas fassungslos zurück: Der Absturz ist keine zwei Tage her gewesen, die vermutliche Ursache nur wenige Minuten bekannt, schon wissen alle: Es gehört zwingend eine zweite Person ins Cockpit, wenn einer der Piloten mal muss.

Ich fand die Idee auch im ersten Moment nicht falsch. Aber ist es so einfach? Ganz viele Leute bei den Airlines und den zuständigen Behörden machen sich unentwegt Gedanken um Flugsicherheit, verdienen damit ihren Lebensunterhalt, aber wir wissen es per Ferndiagnose und nach zwei Minuten Bedenkzeit besser?

Erinnern wir uns: Erst nach den Ereignissen des 11. September 2011 wurden die Cockpittüren überhaupt hermetisch abgeriegelt. Das war eine der Schlussfolgerungen aus der Tragödie, mit der man die Sicherheit erhöhen wollte, eben um das Cockpit gegen den Zutritt jener Personen zu sichern, die nicht unmittelbar mit der Steuerung des Flugzeugs zu tun haben. Eine Regel, die nun eine andere Tragödie begünstigt haben könnte.

Vielleicht sollte uns das ja eine Lehre sein, neuerliche Maßnahmen nicht über das Knie zu brechen?

Natürlich ist es kein wirkliches Argument, dass solche Ereignisse so selten vorkommen, dass man  allein daher gar nichts machen müsse. Auch diese aberwitzige These habe ich heute schon gehört. Wenn aber seltene Ereignisse dafür umso mehr Opfer mit sich bringen, ist es zweifellos geboten, auch diese unbedingt verhindern zu wollen. Umso mehr, wenn dafür kein großer Aufwand nötig wäre.

Es gibt aber eben auch gute Gründe, sich das Ganze vielleicht lieber mal etwas ausführlicher durch den Kopf gehen zu lassen, bevor man den nächsten Schnellschuss beginnt.

Erstens verhindert auch ein weiteres Crewmitglied im Cockpit nicht zwingend ein solches Ereignis. Wer zu allem entschlossen ist und das Überraschungsmoment auf seiner Seite hat, dürfte im Zweifelsfall auch einen arglosen Steward überrumpeln können.

Zweitens gibt es natürlich auch andere Möglichkeiten für den Piloten, das Flugzeug zu crashen. Da braucht es ja nicht den langsamen, kontrollierten Sinkflug. Wenn derjenige für Start oder Landung verantwortlich ist, dürfte im falschen Moment selbst die Anwesenheit des zweiten Piloten zeitlich kaum ausreichen, noch einzugreifen. Und auch allein mit einem Steward eingesperrt, kann er zu einem weitaus drastischeren Flugmanöver als dem Sinkflug greifen. Bis ein Flugbegleiter überhaupt begriffen hat, dass der Mann am Steuer gar nicht gegen den Absturz kämpft, sondern ihn sogar eingeleitet hat, dürfte es ebenfalls vielfach zu spät sein.

Das sind alles keine zwingenden Argumente gegen Flugbegleiter im Cockpit. Eine geringe Eingriffsmöglichkeit ist theoretisch ja immer noch besser als gar keine. Aber es gibt noch einen weiteren Punkt, den vielleicht relevantesten:

Bis gestern konnten wir uns alle nicht vorstellen, dass der Pilot zu den Bösen gehören könnte. Er gehörte geschützt und die Tür zu ihm verschlossen. Nun setzt sich die Erkenntnis durch, dass er gleichzeitig aber auch überwacht gehört und wir wollen jemanden gemeinsam mit ihm im Cockpit einsperren, der im Rahmen seiner Ausbildung und Einstellung aber noch weitaus weniger überwacht und untersucht wird? Einen Flugbegleiter einzuschleusen, um auf den richtigen Moment zu warten, dürfte für terroristische Kreise jedenfalls sehr viel einfacher sein, als einen Piloten.

Das bedeutet nicht, dass die Maßnahme nach Abwägung aller Argumente nicht trotzdem die richtige sein kann. Die Zeit für eine solche Abwägung sollte man sich aber ungeachtet der Tragik der Ereignisse schon nehmen.

Wer jedoch stante pede die einzig wahre Lösung präsentiert, handelt einfach nur unseriös.

Dass ausgerechnet die Chefs von Germanwings und Lufthansa sich diesem Mechanismus entziehen, gefällt mir neben dem gesamten Auftreten der beiden in den letzten Tage sehr.

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